Portrait #7: Wanderschäferei Stranz, Burg Stargard

 

Roland Stranz wandert mit seiner Herde durch Raakow, 2019

Wanderschäfer, ein selten gewordener Beruf

Im Land Mecklenburg-Vorpommern gibt es ein Schäferpaar: Petra und Roland Stranz. Sie wirtschaften ganz traditionell, laufen gemeinsam kilometerweit mit ihren Schafen und sagen, dass sie dazu geboren sind. Eigentlich kennen die beiden sich schon seit ihrer Geburt. Mit nur zwei Tagen Unterschied wurden sie geboren und haben sich auf der Säuglingsstation in Rheinsberg schon zu gewunken. Der eine wuchs dann allerdings in Rostock auf, die andere bleib in Rheinsberg. Richtig kennen und lieben gelernt haben sie sich dann mit 16 Jahren, damals in der Lehre.

Roland Stranz wollte nie etwas anderes werden als Schäfer. Es war sein Kindheitstraum. Die Großeltern besaßen eine Landwirtschaft in Brandenburg, und in den Schulferien lief der Schüler Roland stets mit dem dort ansässigen Schäfer mit. Nach der Schule lernte er den Schäferberuf, drei Jahre lang. Kurz vor dem Herbst 1989 war er fertig, arbeitete in einer LPG, einer Landwirtschaftlichen Genossenschaft. Doch die Schafe konnte die nach dem gesellschaftlichen Umbruch nicht mehr halten. Roland Stranz ging in den Westen, nach Nordrhein-Westfalen, arbeitete dort als Angestellter für einen Schäfer. Im Jahr 1992 traute er sich dann, wagte den Sprung in die Selbstständigkeit. 

Eine schwierige Zeit für Schäfer damals schon, denn der Wollmarkt war zusammengebrochen, weltweit sanken die Preise für Schafwolle. Nicht wenige Schäfer mussten aufgeben, heute gibt es in Deutschland nur noch 900 registrierte Wanderschäfer. Die beiden Stranz versuchen ihren Betrieb wirtschaftlich zu betreiben, versuchen ohne Subventionen auszukommen. 

Es ist ein harter Job. Sie erzählen von einem Heiligen Abend. Eigentlich war die Bescherung für die Kinder dran. Aber es gab Blitzeis, aus heiterem Himmel. Bis nachts 23 Uhr versorgten Petra und Roland Stranz ihre Schafe. Die Geschenke mussten warten, erst am nächsten Tag konnten die Kinder sie auspacken. „Die Schafe gehen vor“, sagen sie. Immer. Denn nur „wenn es ihnen gut geht, geht es auch uns gut“. Und noch eins sagen sie: „Ein Schaf zu verlieren, ist, wie ein eigenes Kind zu verlieren.“ Etwa sieben oder acht Jahre bleibt jedes Schaft in der Herde. Da kennt man jedes sehr persönlich mit allen Ecken und Kanten. Eben so wie die eigenen Kinder. Und der Schäferarbeitstag beginnt sehr früh am Morgen, endet nicht selten erst weit nach Mitternacht. 

Das Wanderjahr mit der Herde beginnt im Herbst, dann wenn die Felder abgeerntet sind. Die Wanderroute wird mit den Landwirten der Umgebung abgesprochen. Die Wanderschäfer sind vom guten Willen der Landwirte abhängig, einen Anspruch auf Weideflächen gibt es nicht. Aber es gibt in der Regel ein gutes, einvernehmliches Miteinander. Maisbauern beispielsweise, die für Biogasanlagen wirtschaften, pflanzen im Herbst Zwischenfrüchte an, ein sogenanntes greening. Für Wanderschäfer sind das gute Flächen.  Dann gibt es Kulturen, die nur wenig Frost vertragen, was heißt, die müssen als erste „abgehütet“ werden. Und dann gibt es noch den Regen, unvorhergesehene Wetterlage – das alles muss bedacht werden für eine Wanderroute.

Roland Stranz wandert mit seinen Schafen mit Herbstbeginn bis Anfang Mai. Danach sind die Schafe auf der Sommerweide. Beim Wandern legen Schäfer und Schafe etwa 100 Kilometer zurück. Und nicht immer ist die Herde willkommen. Manche Dorfbewohner beklagen, dass die Schafe „alles schmutzig“ machen. Dann steht Roland Stranz mit dem Besen auf der Strasse und kehrt.  

Doch eine wirkliche Gefahr sieht Schäfer Stranz inzwischen im Wolf. Mittlerweile, so merkt Roland Stranz an, gibt fast mehr Wölfe wie Berufsschäfer. Stranz hat sechs Altdeutsche Hütehunde, alle paar Tage ziehen sie weiter, um einem möglichen Wolfsrudelangriff zu entgehen. Herdenschutzhunde hat das Schäferehepaar nicht, zu groß wäre der Aufwand in der Haltung. Petra Stranz erläutert, dass die Schutzhunde ohnehin nur in festen Koppeln oder in wilden menschenleeren Gebieten – wie beispielsweise dem Kaukasus – Sinn machen. Ihre Wanderflächen aber, in den Regionen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, liegen in kleinteiligen, eng besiedelten Gebieten mit Wander- und Radwegen zwischendurch. Die Schutzhunde, wären sie freilaufend mit der Herde unterwegs, würden auch Menschen angreifen.

Der Wolf sei ein hochintelligentes Tier, selbst hohe Zäune wären kein Hindernis für ihn. Nimmt die Anzahl der Wölfe zu, befürchten die beiden das Ende der Weidetierhaltung. Denn Ausgleichszahlungen werden künftig nur noch möglich sein, wenn die Halter zuvor ausreichenden Schutz für ihre Tiere nachweisen können. Noch haben die Stranz‘ kein Schaf verloren. Noch nicht. Sie wünschen sich, das es so bleibt. Denn nur so bleibt ihnen auch ihr Beruf, ihre Herde und ihre Existenz erhalten.

Petra und Roland Stranz bei ihrer Herde