Portrait #6: Vivian Böllersen, Walnussmeisterei, Herzberg Mark

Auf die Nuss gekommen

Vivian Böllersen ist jung, als selbstständige Landwirtin sehr jung sogar. Gerade einmal 31 Jahre alt, macht sie, was kaum jemand anders im Land Brandenburg macht. Vivian Böllersen ist Herrin einer Walnussplantage. Angelegt hat sie ihren Hain im Jahr 2015. In Velten, einem kleinen Brandenburger Ort, etwa 30 Kilometer entfernt von Berlin. Mittlerweile stehen dort auf rund viereinhalb Hektar Boden 210 Walnussbäume oder besser Bäumchen. Denn die Sämlinge brauchen Zeit, um in den Himmel zu wachsen, und sie brauchen Zeit bis zur ersten Ernte. Mindestens fünf, manchmal vergehen bis zu zehn Jahren bis dahin. Vivian Böllersen sammelte im letzten Jahr ihre ersten, wenn auch noch wenigen eigenen Nüsse. Ganz davon leben kann sie allerdings noch nicht. Das aber will sie. Und daran arbeitet sie.

Dabei fiel Vivian Böllersen das Landleben nicht in den Schoß. Sie war ein Stadtkind. Aufgewachsen in Berlin Neukölln. Vielleicht weil es dort von Pflanzen und Tieren nie wirklich genug gab und gibt (sieht man von Hunden und Katzen mal ab), war da immer diese Sehnsucht danach. In der Schule gefragt, was sie werden will, kam stets eine Antwort: Bäuerin. Das Handwerk dafür lernte sie später in Eberswalde, an der Fachhochschule. Nach drei Jahren – mit dem Bachelor für Ökolandbau und Vermarktung in der Tasche – ging es erst einmal in die Praxis: nach Portugal auf eine Zitrusfarm, Gartenbildungsarbeit in einem türkisch-deutschen Zentrum, Dozentin für Ernährung, Gesundheit, Landwirtschaft. Das war gut, aber es war „auch eine Suche“, erzählt Vivian Böllersen rückblickend. Es „dauerte“ einfach, bis sie wirklich wusste, was sie wollte. Das war dann Gemüseanbau, ökologisch und nachhaltig und vor allem wollte sie „es richtig anpacken, von Anfang an“. Sprich „richtig gründen“. Das hieß noch einmal studieren, Öko-Agrarmanagement, und die Masterarbeit drehte sich dann schon um die alte, jedoch neu zu entdeckende Walnuss.

Einen Walnussbaum, die meisten kennen ihn nur als Solitär, vereinzelt in einem Garten. Große Plantagen hier bei uns? Fehlanzeige! Die finden sich in Kalifornien. Laut Schutzgemeinschaft Deutscher Wald gibt es dort 80.000 Hektar Nussbaumplantagen, das entspricht der Fläche von Berlin. Auch in Frankreich, Italien, Ungarn und der Türkei finden sich Walnusshaine. In Deutschland gedeihen sie eher südlich, dort, wo auch der Wein wächst, im milden Klima. Die viereinhalb Hektar Land, die Vivian Böllersen nach und nach bepflanzte, nehmen sich daran gemessen bescheiden aus. Dabei war es schon schwierig genug, dieses Grünland überhaupt zu bekommen. Wer Ackerland kaufen will, besonders in Ostdeutschland, kommt an der Bundesverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG) nicht vorbei. Die verkauft meistbietend. Nicht nach ökologischen und landwirtschaftlich nachhaltigen Kriterien. In den letzten Jahren stiegen die Bodenpreise ums Hundertfache. Unerschwinglich für eine junge Landwirtin wie Vivian Böllersen. Erst eine Zeitungsannonce brachte die Wende für sie. Ein Privatbesitzer wollte sein Land in „gute Hände“ abgeben. Doch selbst diese Summe konnte die zukünftige Walnusshainbetreiberin nicht allein stemmen. Finanziell unterstützt wurde sie darum von den Ökonauten. Eine Genossenschaft, die jungen Landwirten und Landwirtinnen unter die Arme greift, auch um Agrarflächen für den ökologischen Anbau zu sichern.

Das macht Vivian Böllersen jetzt. Seit vier Jahren hegt und pflegt sie ihre vielen verschiedenen Walnussbaumsorten. Die brauchen viel Licht, viel Wärme und viel Wasser. Den letzten Hitzesommer haben sie gut ausgehalten, weil der Grundwasserspiegel auf den Flächen hoch ist. Und Walnussbäume selbst bilden eine lange Pfahlwurzel, die reicht bis tief in den Boden hinein. Junge Setzlinge aber wollen gewässert werden, das macht Vivian Böllersen, sie versorgt die Bäume und schaffte sich eine voluminöse alte Waschtrommel an, die auf ihrem Hof in Herzberg in der Mark die geernteten Nüsse reinigt. Gleich daneben steht ein Nuss-Trockner und die ehemalige Schmiede verwandelt sie Zug um Zug in einen Hofladen. Dort gibt es Riesennüsse groß wie Hühnereier, auch schwarze Walnüsse und kandidierte Walnusskerne, und Öl, Likör, Mus, Senf und Shampoo – alles aus der heimischen Walnuss. Das klappt, weil Vivian Böllersen sich mit anderen Produzenten in der Region vernetzte. Am Anfang stand für sie, „etwas machen zu wollen, was nicht jeder macht“. Und was hierher gehört, in die heimische Region. Der Walnussbaum gehört dazu, Vivian Böllersen holte ihn aus der Vergessenheit zurück. Ein Nutzbaum, der  – wenn er denn bleiben darf – gut 150 Jahre alt werden kann, uns reichlich Gesundes für Herz und Kreislauf spendet, dazu noch gutes Holz hat. Im Jahr 2008 wurde er zum Baum des Jahres gekürt. Unter anderem, weil der Bestand „drastisch zurückgegangen“ sei. Niemand kann genau sagen, wie viele Walnussbäume es heute noch in Deutschland gibt. In der Schweiz nahm die Zahl allein in den letzten fünf Jahrzehnten um 75 Prozent ab.

Gisela Zimmer

Mehr unter: https://www.walnussmeisterei.de

Anschrift: Walnussmeisterei, Im Eichholz 33, 16835 Herzberg Mark