Portrait #5: Sarah Spindler, Ziegenkäserei und Wiesencafé, Flatow

Sarah Spindler, Karolinenhof

Die Welt ein bißchen besser machen. Man könnte sagen, es ist ein Mantra für Sarah Spindler und ihrem Mann, Miteigentümer des Karolinenhofs mit ihren „bunten“ Karolinerhofer Ziegen in Flatow. Landgang e. V. wollte mehr wissen:

– Wer seid ihr?

Wir, Sarah und Sebastian Spindler sowie Gela Angermann, sind ein Bio Hofbetrieb mit Milchziegen und eigener Verarbeitung und Hofcafé. Gela startete schon 1991 den Bio-Pionierbetrieb der neuen Bundesländer. Wir leben und arbeiten auf unserem Hof und verbringen alle Lebensbereiche miteinander. Wir sind alle ein bisschen verrückt. Das ist wichtig, sonst hält man das nicht durch.

– Als dein Mann und du 2015 mit in den Hof eingestiegen seid, hat sich euer Traum vom eigenen Hof erfüllt. Wie lebt es sich 4 Jahre später in diesem Traum?

Unser Traum hat sich erfüllt. Das ist schön, aber auch anstrengend und herausfordernd. Es ist mein Leben. Es ist toll, für alles selbst verantwortlich zu sein, was schön sein kann. Es geht aber viel weiter. Die Verantwortung für unsere Tiere, unseren Betrieb und unsere Mitarbeiter ist groß. Die Biobranche ist nach wie vor eine enge Sparte. Da darf man die Außenwirkung nicht unterschätzen. Wir haben einen guten Ruf, dem wir gerecht werden wollen und müssen.

– Warum übst du deinen Beruf heute aus? Bist du Bäuerin aus Leidenschaft?

Schon als Schülerin habe mich mit Ökokreisläufen beschäftigt und war schon immer hinter dem „Viehzeug“ her. Ich bin in Berlin groß geworden und hatte nicht auf dem Schirm, dass man Landwirtin auch studieren kann. Damals dachte ich, man muß in einen Hof rein geboren werden. Nach dem Abitur hatte ich keine Ahnung, welchen Beruf ich lernen sollte. Mir war aber klar, dass ich draußen in der Natur sein wollte. Ich bewarb mich für ein freiwilliges ökologisches Jahr mit Rückepferden, wurde aber nicht genommen. Und so landete ich in der Domaine Dahlem. Nach drei Tagen fuhr ich schon alleine den Traktor und wusste: „Das will ich machen.“ Ich sah täglich, was ich geschaffen hatte und genoß den Kontakt zu den Tieren.

Auf dem Stück Land auf dem ich täglich arbeite, kann ich die Welt ein bisschen besser machen und die Tiere gut behandeln. Es geht nicht nur wirtschaftliche Aspekte. Mir war von Anfang an klar, dass Landwirt kein Job ist, sondern mein Leben. Das ist nicht abgrenzbar. Auf dem Hof hier schaffen wir uns gegenseitig Freiräume und passen aufeinander auf. Einer kocht das Mittagessen, abends machen wir manchmal Spieleabende, im Moment ist mein Mann 2 Wochen lang im Urlaub. Als ich heute die Ziegen von der Koppel holte, schien die Sonne so herrlich ins Gesicht und ich dachte mir „Ich hab’s schon sehr schön hier.“

Anmerkung: Ein Rückepferd wird im Wald zum Holzrücken eingesetzt. Es bringt das Holz von gefällten und entasteten Baumstämmen zum nächsten Waldweg bzw. Lagerplatz.

– Welche sind die wichtigsten Fähigkeiten, die du in diesen Beruf mitgebracht hast?

Das sind Fähigkeiten, die ich mir selbst gar nicht so zugeschrieben hätte: festes Planen und strukturiertes, handwerkliches Arbeiten. Immer wieder herausfordernd ist die Flexibilität im Alltag, z. B. ein Stromausfall, eine schwer verletzte Ziege, Ausfall einer Kühlzelle. Das ruft dann einen Notfallplan auf die Tagesordnung und der Tag wird ein ganz anderer. Ein Bauer ist „Pfuscher“ in allen Bereichen, man muß reparieren, verkaufen, handwerklich geschickt sein, melken, wirtschaftlich arbeiten und v. a. mit Menschen umgehen können. Das ist manchmal anstrengend.

– Wie vermarktet ihr euren Käse?

Vielen Besuchern fällt es gar nicht auf, dass wir bio sind, für uns ist das aber sehr wichtig. Wir vermarkten ausschließlich direkt über unseren Hofladen, die Vollgastronomie gehört weiterhin der Hofgründerin, und das ergänzt sich hervorragend. Der persönliche Kontakt zu unseren Besuchern ist mir wichtig. Was wir anders machen, muß kommuniziert werden. Ich möchte Menschen von unserem Hofleben erzählen, sie zum Nachdenken anregen, sie inspirieren. Das feedback, das wir bekommen, ist sehr bereichernd. Es ist doch etwas ganz anderes, als unseren Käse bei Morgengrauen auf einen Laster zu packen.

– Wollt ihr wachsen?

Nein, wir wollen nicht wachsen. Wir könnten natürlich mehr Geld brauchen, um die Ersatzinvestitionen, die sehr notwendig sind, um den Betrieb am Laufen zu halten, stemmen zu können. Große Investitionen sind heikel. Um wachsen zu können, wären unverhältnismäßig hohe Investitionen notwendig. Der Stall müßte vergrößert werden, wir bräuchten mehr Land, um die Tiere zur ernähren. Dann käme da ein größerer Melkstand auf uns zu, wir bräuchten mehr Personal, eine größere Käserei, einen anderen Käsekessel, einen größeren Reiferaum. Wir müssten Verkaufswege neu erschließen. Kurzum, größer werden wäre ein Fass ohne Boden und wir verlören unseren Charme.

Als Organismus würden wir jedoch gerne weiter wachsen. Freunde haben nun ein kleines Haus in der Nachbarschaft gekauft und starten mit einer Bio-Gärtnerei. Ein Ökodorf wäre eine spannende Richtung, ich kann mir auch Bildungsangebote für Kitas und Schulklassen vorstellen.

– Einen Hof zu übernehmen, stelle ich mir sehr komplex vor. Man muß da reinwachsen und möchte vielleicht auch Dinge und Abläufe ändern. Wie läuft die Übernahme für euch? Wie macht ihr das?

Bisher läuft es ziemlich gut. Wir hatten einen Berater, der auf Hofübergaben begleitet, an der Seite. Im Moment wirtschaften wir in einer GbR zu dritt, wir haben zu dritt die Mütze auf und sind uns in vielem recht einig. Wir haben positive Abläufe, Veränderungen werden überlegt besprochen, Angelikas Erfahrungsschatz ist uns wertvoll. Wir sind uns in unseren Vorstellungen bzgl. Leistungsfähigkeit und Einstellung einig.

– Von Landwirten hört man immer wieder, dass sie nie Zeit finden können, in den Urlaub zu fahren, weil sie sich um die Tiere kümmern müssen. Wie ist das denn bei euch?

Urlaub ist schwierig, aber nicht unmöglich. Wir versuchen uns Freiräume zu schaffen, damit wir die Kraft und Energie behalten. Ausgleich und Inspiration von außen ist wichtig. Im Sommer ist es ganz schwer, aber jeder kann meistens Sommerurlaub machen. In der Winterpause ist es einfacher, da kann ich auch mit meinem Mann verreisen. Wir melken „nur“ von Januar bis November, dann haben die Ziegen 6 Wochen lang Pause und wir konzentrieren uns auf Renovierungsarbeiten. Das restliche Jahr ist verplant, an den Wochenenden arbeiten wir 10 bis 12 Stunden, manchmal ohne Mittagspausen. Was uns trotzdem gut gelingt ist, dass wir uns Freizeitmomente auf dem Hof schaffen und uns einen guten sozialen Treffpunkt bieten.

Das Gespräch führte Julia Nowak mit Sarah Spindler.

Was man über Flatow wissen sollte: Seit 1992 grasen im brandenburgischen Flatow auf dem Karolinenhof Ziegen. Die Gäste genießen bei schönen Wetter im Wiesencafé die weite Sicht über die Felder des Luchs. Das Luch ist ein ehemaliges Feuchtgebiet, welches durch Gräben entwässert wird. Im Herbst rasten hier bis zu 70.000 Kraniche auf ihrem Weg von Skandinavien und Polen nach Südfrankreich.