Portrait #4: Jeannette Stockmann de Caro, KVHS Uckermark, Prenzlau

Jeannette Stockmann de Caro möchte Menschen miteinander verknüpfen und Begegnungen zwischen denen ermöglichen, die sich im Alltag ansonsten nicht begegne. Landgang e. V. war zu Besuch.

– Sie haben in Berlin und Südafrika studiert und gearbeitet. Was bringt Sie nach Prenzlau?

Es war das Schicksal. Jemand in der Familie ist gestorben und ich habe das Haus geerbt. Ich hab’s mir anders vorgestellt, aber jetzt ist es gut so.

– Warum üben Sie Ihren heutigen Beruf aus?

Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zur Volkshochschule. Angefangen hat es mit dem Kurs für Tastschreiben und Stenographie, den ich mit 16 Jahren an der Volkshochschule besuchte. Der Unterricht fand im Keller statt. Zum Test wurde das Licht ausgemacht und wir mussten blind schreiben. In unserer Vitrine zu 100 Jahren Volkshochschule liegt derzeit gerade mein Zeugnis von damals.

2005 ging ich aus Berlin zurück in die Uckermark und arbeitete als Sozialpädagogin und später als Bildungsberaterin. Mit der Volkshochschule hatte ich dadurch Berührungspunkte und als die Leitungsstelle neu ausgeschrieben wurde, habe ich mich getraut. Ich hatte Lust auf diese Aufgabe. Es ist der interessanteste Job, den ich mir vorstellen kann: Man trifft auf die unterschiedlichsten Teilnehmer, Lehrkräfte, Themenbereiche und Berufe. Gleichzeitig kann ich selbst Schwerpunkte setzen, neue Projekte angehen und somit die Einrichtung, aber auch mich weiterentwickeln.

– Lebenslanges Lernen – Wie gehen die Menschen in der Uckermark mit diesem Konzept um?

Lebenslanges Lernen, das klingt nach lebenslänglich, deshalb mag ich den Begriff nicht so gern. Lernen soll Spaß machen, egal, wie alt man ist. Unsere Teilnehmer kommen freiwillig und sind motiviert. Neben den klassischen Fachbereichen bilden wir an unserer Volkshochschule auch Landwirte und Landwirtschaftsmeister aus. Und wir haben ein Grundbildungszentrum und bieten Kurse im Bereich der Grundbildung und Alphabetisierung an.

Das Image der Volkshochschule als Hobbyverein ärgert mich. Es war nie zutreffend. Schon 1919 erhielten die Volkshochschulen Verfassungsrang. Mit ihrer Förderung sollte sichergestellt werden, dass alle Menschen die Chance auf Bildung haben, unabhängig von der Herkunft. Bildung, eben auch Erwachsenenbildung, wurde durch die Weimarer Verfassung zur öffentlichen Aufgabe. In den 100 Jahren ihres Bestehens waren und sind sie immer noch Orte gelebter Demokratie.

– Wie hat sich die Art und Weise des Unterrichtens geändert?

Für uns steht die Frage im Mittelpunkt, wie wir unsere bisherigen Teilnehmer, aber eben auch neue Zielgruppen erreichen. Das bedeutet, dass wir neue Formate entwickeln, politische Grundbildung bieten. So haben wir eine große Teilnehmervielfalt und durch zugezogene Menschen auch eine spannende kulturelle Vielfalt. Die Möglichkeiten, die die Digitalisierung hier bietet, sind schon groß. Webinare, also das e-learning, sind beispielsweise eine gute Ergänzung. Denn die großen Entfernungen im ländlichen Raum machen es sowohl den Lehrkräften als auch den Teilnehmern nicht leicht, zu uns zu kommen.

Im Verbund mit anderen Volkshochschulen können wir Themenreihen wie Bienensterben, Naturschutz, plastikfrei leben, Kohlenausstieg, Frauenwahlrecht oder zu Rechtspopulismus mit hochkarätigen Wissenschaftlern gemeinsam anbieten. Das kommt gut an. Außerdem bieten wir Online-Kurse in Betriebswirtschaft an. Über mehrere Module können hier sogar anerkannte Abschlüsse erlangt werden.

– Unlängst wurde eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung in den Medien diskutiert. Sie betont die Notwendigkeit einer klugen Strukturpolitik und fordert massive, auch finanzielle, Unterstützung für strukturschwache Regionen. Trifft das auch auf Prenzlau in der Uckermark zu?

Viele Forscher, auch dies des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, vertreten die Position, dass eine Stärkung der urbanen Räume erforderlich sei. Die Politik verfolgt auch eine Stärkung der Mittelzentren und der großen Städte. Damit stellt sich aber die Frage nach Chancengleichheit und der Gewährleistung von Daseinsvorsorge. Ich setze meine Hoffnung in die Zivilgesellschaft.

Die Leute, die von der Stadt aufs Land ziehen, kommen, sind in der Regel agil. Die haben Lust, sich einzumischen, eigene Kitas und Schulen aufzubauen. Das bedarf einer guten Vernetzung aller. Fakt ist, nur eine oder einer von 100 Abiturienten kommt zurück in die Uckermark. Dafür kommen Neue in die Regionen, die müssen erst zusammenwachsen, viele sind nur am Wochenende da. Manches Dorf ist unter der Woche ein Geisterdorf. Das braucht keine Infrastruktur. Und die Uckermärker selbst? Die brauchen Zeit, um mit Neuem warm zu werden.

– Gibt es in Prenzlau Fachkräftemangel?

Ja, den gibt es sogar sehr, insbesondere in der Pflege und es fehlt an Handwerkern. Die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei elf Prozent, und Prenzlau leidet unter einer ausgeprägten strukturellen Langzeitarbeitslosigkeit. Die Uckermark insgesamt hat eine hohe Quote an Jugendlichen, die ohne Abschluss die Schule verlassen.

Manche Familien sind schon in der 3. Generation Harz IV-Empfänger. Die Enkel haben nie erlebt, dass ihre Eltern oder Großeltern arbeiten. Im schlimmsten Fall bedeutet das, keine gesellschaftliche Teilhabe und keinen geregelten Tagesablauf. Die Lust auf etwas Neues verschwindet, dafür tritt Genügsamkeit an die Stelle. Das stimmt mich traurig.

– Wie kommen Einheimische und die Fremden von weit her miteinander aus?

Prenzlau hat die größte Gemeinschaftsunterkunft in der Uckermark. Viele der Bewohner nehmen an unseren Sprachkursen und anderen Veranstaltungen teil. Ich erlebe sie als Bereicherung, sowohl in der Volkshochschule als auch im täglichen Leben. Es ist ein tolles Miteinander und wir merken immer wieder, wie viel wir gemeinsam haben, wie viel wir aber auch noch voneinander lernen können.

Für die Flüchtlinge selbst ist es schwierig, hier anzukommen. Sie müssen sich in eine völlig neue Kultur einfinden, vermissen ihre gelernte soziale Straßenkultur und die familiäre Nachbarschaft. Die deutsche, distanzierte Art des Miteinanders wird häufig missverstanden, auch als Ablehnung empfunden. Nach dem Deutschkurs ist es für sie schwierig, Anlässe und Gelegenheiten zu finden, weiter Deutsch zu sprechen. Im Supermarkt spricht man nicht miteinander. Der Zugang zu Sport- und Fitnessvereinen fällt vielen schwer.

Um in eine Gesellschaft hineinzuwachsen, fehlen am Anfang noch die Berufsausbildung und gute Sprachkenntnisse. Viele sind bereits wieder gegangen, weil sie sich woanders bessere Chancen versprechen. Das bedaure ich, denn ich glaube, dass uns dadurch auch viel Potential verloren geht.

– Haben Sie eine Vision für die Uckermark?

Ich möchte Menschen miteinander verknüpfen und Begegnungen zwischen denen ermöglichen, die sich im Alltag ansonsten nicht über den Weg laufen. Das kann das Lerncafe für Analphabeten sein, ein Erzählcafé oder unser Kochbuchprojekt – einfache Projekte ohne Hemmschwellen und Verpflichtung, aber mit viel Spaß und Neugier. Wir wollen die Angst vor dem Wort Schule nehmen.

Die Volkshochschule soll gut tun und eine Art Zuhause sein. Die Volkshochschule als 3. Ort – das wäre mein Traum.

Das Gespräch führte Julia Nowak mit Jeannette Stockmann de Caro.