Kategorie: Landgänger

Portrait #3: Henning Ihlenfeldt aus Fürstenwerder

Bert und Hennig Ihlenfeldt in der Backstube, morgens um 6 Uhr

– Bäckerei Ihlenfeldt – wer und welche Geschichten stecken dahinter?

Wir sind eine Bäckerfamilie und führen unseren Handwerksbetrieb in Fürstenwerder seit 1890 mittlerweile in der 5. Generation. Unsere Vorfahren haben die Bäckerei 1890 gegründet. Unser Handwerksbrot – mit Hand gemacht- stellen wir noch heute nach den Rezepten meiner Großeltern her.  

– Ab wann wussten Sie, dass Sie Bäcker sein werden? 

Als ich mit der Schule fertig war, war noch gar nicht so klar, dass ich einmal den Familienbetrieb übernehmen würde. Solange meine Eltern und Großeltern den Betrieb führten, gab es keine Arbeit für mich. Nach der Schule ging ich weg von Fürstenwerder und arbeitete viele Jahre lang in einer Großbäckerei. Dort habe ich auch meine Frau kennengelernt, die von Beruf Konditorin ist. 1985 waren meine Eltern bereit umzuziehen. Sie konnten im Ort in eine Neubauwohnung ziehen und meine Frau und ich zogen mit unseren Kindern in das alte Bäckerhaus ein. 

-– Warum haben Sie an der alten Backtradition festgehalten? 

Nach der Wende 1989 hatten wir eine westdeutsche Betriebsberatung. Die haben uns geraten, an der alten Sauerteig Rezeptur festzuhalten und weiterzumachen. Sie hatten Recht, die Großelternrezepte sind noch immer erfolgreich. Für mich bedeutet Tradition aber auch, Wissen von einer Generation an die nächste weiterzureichen. Unsere Grundrezepte sind gut, sie werden über die Jahre variiert und weiterentwickelt. Zum Beispiel stellen wir zur Zeit einmal in der Woche ein Chia-Brot her; das gab  es früher natürlich noch nicht. Allerdings haben auch meine Großeltern immer in die Bäckerei investiert, neue Technik angeschafft, um die Arbeit und das Leben zu verbessern. Wäre die Wende nicht gekommen, würde ich heute noch Mehlsäcke tragen. Der technische Fortschritt in den Jahren danach war enorm.

– Sind Sie weit und breit der einzige Bäcker? 

Es gibt kaum noch Bäcker in der Region, die selber backen. Jetzt hört auch der Bäcker in Prenzlau auf und führt auf nur 10 Quadratmeter Aktionsfläche im Boitzenburger Marstall seinen Backbetrieb stark verkleinert weiter. Ich bin wirklich stolz, dass wir diese Bäckerei schon so lange halten können. 

– Haben Sie  ein Lieblingsbrötchen?

Ich esse wenig Brötchen. Am liebsten mag ich unser traditionelles Roggenmischbrot (Berliner Kurzsauerführung). Wir machen kein fades Brot. Da muss Geschmack drin sein, man muss die Butter drauf sehen, und ich möchte beim Essen kauen.

 – Können Sie von Ihrem Handwerk leben ?

Der Absatz im Laden funktioniert, unsere Kunden kommen aus unserem Dorf und den Nachbarorten.  Außerdem fahren wir mit zwei Verkaufsautos übers Land. Eine Fahrerin geht allerdings bald in Rente. Wir sind auf der Suche nach einer neuen Kraft, die beides kann: Fahren und verkaufen. Und die Nachfrage nach guten Backwaren bleibt. Vor allem, wenn nun immer mehr Berliner in die Uckermark rauskommen. Touristen und neue Eröffnungen, wie beispielsweise der Buchladen und das vegetarische Restaurant, beleben unsere Region. Das ist für uns von Vorteil.  

– War es schwierig, das Geschäft zu übergeben?

In einem kleinen Betrieb ist Geld schnell ein KO-Thema. Meine Frau und ich wollten sicherstellen, dass unsere drei Kinder gleich behandelt werden, auch wenn nur einer die Bäckerei übernimmt. Das war nicht so einfach, wir haben dafür regelmäßig Geld gespart. So war es möglich, alle drei zufrieden zu stellen.  

– Wie sieht Ihr Pensionsalltag aus?

Naja, ich bin immer noch jeden Tag eingebunden. Abends bereite ich um halb zehn den Sauerteig vor, damit mein Sohn um 22 Uhr ins Bett kann. Er steht ja schon wieder um 1 Uhr auf. Für einen Bäcker ist es das A und das O, zwei Mal am Tag zu schlafen. Eine Angestellte wollte nicht mehr früh kommen, jetzt arbeite ich auch wieder freitags.

– Was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir, dass wir alle gesund bleiben und die Angestellten regelmäßig zur Arbeit kommen.  Unser Betrieb funktioniert nur, wenn alle da sind. Man darf allerdings nicht nur arbeiten, sondern braucht auch  Freizeit und Ruhe. Im Januar schließen wir  immer für drei  Wochen, machen Betriebsferien und eine Woche im Sommer. Außerdem  arbeiten wir nur an fünf Tagen in der Woche. Sonntag und Montag ist die Backstube geschlossen.

– Bleibt Ihnen Zeit für eine gute Nachbarschaft?

Nachbarschaft ist sehr wichtig. Ich interessiere mich nicht nur für die gesamte Nordwestuckermark. Ich versuche Menschen, die ich nicht kenne, kennenzulernen, ein Bäcker muss seine Kunden kennen. Ich bin aktiv in der Heimatstube und im Tourismusverein, und ich habe auch schon Beatles-Festivals in Fürstenwerder organisiert. 

Was sollte man über Fürstenwerder wissen? Fürstenwerder ist ein Ort mit etwa 750 Einwohnen, liegt im Nordosten im Land Brandenburg an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Es gibt 13 Vereine, eine alte Stadtmauer, zwei mittelalterliche Stadttore, einen alter Dorfkern, mittendrin eine eindrucksvolle Feldsteinkirche, zwei Seen, ein Museum namens Heimatstube und eine Buchhandlung. Früher besaß Fürstenwerder sogar zwei Bahnhöfe. Spannend: Der Schriftsteller Saša Stanišic setzte Fürstenwerder in seinem Roman „Vor dem Fest“ ein Denkmal. In seinem Roman heißt der Ort Fürstenfelde.

Das Gespräch führte Julia Nowak mit Henning Ihlenfeldt.

Portrait #2: Anke Thoma, Naturseifen-Manufaktur im Boitzenburger Land

Anke Thoma, Naturseifen-Manufaktur, Boitzenburger Land

Landgang e. V. war zu Besuch in der wohlriechenden Naturseifen-Manufaktur im Boitzenburger Land. Die Inhaberin Anke Thoma leitete einen Workshop „Naturkosmetik selber herstellen“ und weihte die Workshop-Teilnehmer in die Geheimnisse der Emulsionsherstellung aus Schwarzkümmel und Aloe ein. Ihre Begeisterung war ansteckend – ihre Geschichte ist bewegend. Hier unser Gespräch:

  – Warum übst Du Deinen heutigen Beruf aus?

Die Naturseifen-Manufaktur ist das Resultat meines ganzen Lebens, eine Mixtur aus beruflichen und privaten Erfolgen und Niederlagen, aus Kreativität, Resillienz und Durchhaltevermögen. Du musst dafür brennen. Ach, ich habe so viele Ideen, bin nun schon 61 Jahre alt, aber ich werde lange arbeiten.

– Welche Fähigkeiten brachtest Du mit?

Die Manufaktur ist meine zweite Selbständigkeit. Zu DDR-Zeiten war ich Buchhändlerin, absolvierte ein Fernstudium, und arbeitete in einer Großbuchhandlung. Der Liebe wegen zog ich nach Templin. Nach der Wende haben mein Mann und ich die Buchhandlung übernommen – es war die 1. Buchhandlung im Osten, die sich selbständig gemacht hat.

Wir waren allerdings sehr blauäugig und unerfahren im Umgang mit den Banken und waren schlecht beraten. Wir konnten zwar kaufmännisch denken – aber noch nicht wirtschaftlich! Das hat uns das Genick gebrochen.  

Es gab einen großen Nachholbedarf an Büchern und wir investierten viel Geld in ein Haus, das uns nicht gehörte. Wir renovierten nach historischen Plänen – mit Kraft und Herzblut. Als dann die Insolvenz kam, war das unglaublich demütigend. Wir waren in Templin gut vernetzt und hatten viele Freunde. Es gab viel Neid und Häme, aber wir beiden hatten eine gute Partnerschaft, hielten zusammen und haben dieses Tal gemeinsam geschafft. Allerdings hatte mein Mann dann ein Jahr später einen tödlichen Unfall, die Zwillinge waren damals 9 Jahre alt und meine Tochter 13 Jahre alt. Es folgte eine Zeit von unglaublicher Trauer, ohne Hoffnung. Wir verloren die Wohnung, hatten kein Auto und die Insolvenzschulden – was für ein Umbruch. Ich arbeitete dann 8 Jahre lang in einer Rechtsanwaltskanzlei, da habe ich viel gelernt.

– Wie bist Du auf die Idee gekommen, Naturseife nach traditioneller Herstellungsart von Hand zu fertigen?

Meine erste Seife entstand aus der Neugier heraus. Ich begann aus familiären Gründen die Inhaltsstoffe von Seifen, Deos und Cremes zu hinterfragen. Wenn die Hormone bei einem Teenager körperliche Veränderungen mit sich bringen, ist es wichtig, sich waschen zu können –  und weil der Arzt davon abriet, habe ich angefangen Alternativen zu suchen. Da hat mich der Seifenvirus angesteckt, ich habe mich begeistert reingestürzt und habe mich langsam in die zweite Selbständigkeit entwickelt. 

Nach 8 Jahren Trauerarbeit traf ich meinen jetzigen Mann. Wir haben dieses Haus hier gemeinsam gefunden, es stand 4 Jahre leer und wir mussten viel renovieren. Dann stand der Entschluss fest, die ehemalige Garage in eine Manufaktur umzubauen. Ich wollte auf keinen Fall wieder etwas mit Banken zu tun haben und konnte einen Familienkredit aufnehmen. Meine Firma entwickelte sich gut und beständig, ich konnte meine Schulden abbauen – nun genieße ich diese Freiheit und Unabhängigkeit und kann meine Kinder unterstützen.

– Das Thema Plastikflut, gesellschaftliche Verantwortung ist in aller Munde – war das schon zur Gründung des Unternehmens für Dich ein wichtiger Aspekt?

Das Thema Plastik war 2012 noch nicht so tief verwurzelt – aber nachdem ich „Planet Plastik“ gesehen habe, wurde mir ganz besonders bewußt, wie richtig ich mit meinem Sortiment liege. Das Thema Nachhaltigkeit spielt für uns aber schon immer eine wichtige Rolle und wir gehen mit unseren Inhaltsstoffen verantwortungsbewußt um. Auch verzichten wir auf Inhaltsstoffe auf Basis von Mineralöl, Paraffinen, Parabene und anderen Chemikalien. Wir setzen uns für den Tierschutz ein und wir verwenden, wo immer möglich, Papier und Pappe statt Kunststoff. Die Glastiegel unserer Cremes nehmen wir auch zurück.

– Welcher Aspekt Deiner Arbeit gibt Dir am meisten Kraft? 

Das ist ganz klar die Kreativität und das Feedback glücklicher Kunden. Wir sind jedes Jahr stabil gewachsen, allerdings bedeutet es auch, dass ich die Verantwortung für 10 Angestellte habe, Personal führen muss – und die  Administration ist kraftraubend. Wir sind jedoch auch stolz darauf, dass wir in der strukturschwachen Uckermark Arbeitsplätze schaffen können.

Den Dialog führte Julia Nowak mit Anke Thoma.

Workshop in der Naturseifen-Manufaktur, Boitzenburger Land

Portrait #1: Anja Hradetzky, Hof Stolze Kuh im Oderbruch

Hof STOLZE KUH, Anja Hradetzky

– Wer sind Du?

Mein Mann Janusz, ich (Trainerin für wesensgemäße Tierhaltung und Autorin), unsere beiden Kinder, unser Altdeutscher Hütehund Juri, 100 Stolze Rinder und 250 Stolze Hühner. Dazu kommen 6 Mitmacher und im weiteren Umfeld drei Vereine, mit denen wir Jungbauern vernetzen und unterstützen und eine Dorfschule gründen.

– Warum übst Du Deinen heutigen Beruf aus?

Ich durfte nie Haustiere haben. Jetzt habe ich viele. Das macht mich froh.

– Wann genau hast Du Deine Entscheidung getroffen?

Ich glaube, es gab viele kleine Momente, in denen mir bewusst wurde, dass es das, was wir vorhaben noch nicht gibt und wir das selbst zum Leben erwecken können.

– Welche Erinnerungen aus Deinem Elternhaus verbindet Dich mit Deinem heutigen Beruf?

Es gab nur Essen aus dem Discounter, fettarme H-Milch und viel Tütenessen. Erst später, im Ökolandbau -Studium lernte ich, was da drin steckt, nicht nur an Nährwert, sondern auch an ökologischer und sozialer Last. 

– Durch den strukturellen Wandel, den die Digitalisierung in die Arbeitswelt, und die steigenden Mietpreise in der Stadt  mit sich bringen, denken viele Menschen darüber nach, aufs Land zu ziehen. Was möchtest Du Menschen empfehlen, die vor der Entscheidung stehen, ihr (berufliches) Leben zu ändern?

Bist du wirklich bereit, dich auf das Dorf einzulassen und dich dort einzubringen? Auf dem Dorf kannst du selbst erschaffen, was dir fehlen würde, auch Kultur und Geselligkeit. Dafür braucht es allerdings mehr eigenen Aktivismus als in der Stadt.

– Welcher Aspekt Deiner Arbeit gibt Dir am meisten Kraft?

Wenn die Kälber aus dem Euter der Kuh trinken. Und über diese riesigen Weiden zu laufen. Dann denk ich jedes Mal: So wollen Tiere leben!

– Was sollten wir Menschen von den Kühen lernen?

Wie beim Wiederkäuen: langsam angehen, im Rhythmus der Natur bleiben, Jahreszeiten als Geschenk wahrnehmen und nicht immer übers Wetter jammern.

– Wie wird die Landwirtschaft in 20 Jahren aussehen? Welche Rolle spielt Digitalisierung in Deinem Unternehmen?

Da bleibe ich bei aller Hoffnung realistisch: trist, eintönig, tot.
Die Politik setzt mit der Förderung nur wenig Anreize. Die Digitalisierung funktioniert auf noch größeren Flächen einfach besser. Wir sind außer bei der Kundenkommunikation noch sehr nah am Leben, undigitalisiert. Für so kleine Betriebe lohnt sich die meiste Software auch einfach nicht.

– Wie wird die Landwirtschaft in 20 Jahren aussehen? Welche Rolle spielt Digitalisierung in Deinem Unternehmen?

Da bleibe ich bei aller Hoffnung realistisch: trist, eintönig, tot.
Die Politik setzt mit der Förderung nur wenig Anreize. Die Digitalisierung funktioniert auf noch größeren Flächen einfach besser. Wir sind außer bei der Kundenkommunikation noch sehr nah am Leben, undigitalisiert. Für so kleine Betriebe lohnt sich die meiste Software auch einfach nicht.

– Kann man davon leben?

Wenn Menschen, die unsere Ideale teilen, regelmäßig bei uns einkaufen, JA! Zum Aufbau gehört schon eine riesige Menge an Energie und Kraft.

– Was wünschst Du Dir?

Viele Menschen mit meiner Bildungsarbeit erreichen und Impulse zur Gewohnheitsänderung zu geben. Statt bei knurrendem Magen an den Supermarkt zu denken, wärs schön, wenn der Bauer und die Erde im Kopf aufploppt.

– Worauf bist Du stolz?

Auf so viele Stolze Kühe, die wesensgemäß leben dürfen.

– Wie wichtig ist Nachbarschaft?

Das Landleben wird besonders lebenswert, wenn ich Nachbarn treffe, Gedanken und Taten mit ihnen teile. Außerdem gibt mir das so viel Kraft zurück, wenn Menschen aus dem Dorf bei uns einkaufen und selbst hier etwas erschaffen!

HOF STOLZE KUH . 2019

Das Gespräch führte Julia Nowak mit Anja Hradetzky.