Kategorie: Landgänger

Die Naturseifen-Manufaktur im Boitzenburger Land

Portrait #2: Anke Thoma

Anke Thoma, Naturseifen-Manufaktur, Boitzenburger Land

Landgang e. V. war zu Besuch in der wohlriechenden Naturseifen-Manufaktur im Boitzenburger Land. Die Inhaberin Anke Thoma leitete einen Workshop „Naturkosmetik selber herstellen“ und weihte die Workshop-Teilnehmer in die Geheimnisse der Emulsionsherstellung aus Schwarzkümmel und Aloe ein. Ihre Begeisterung war ansteckend – ihre Geschichte ist bewegend. Hier unser Gespräch:

  – Warum übst Du Deinen heutigen Beruf aus?

Die Naturseifen-Manufaktur ist das Resultat meines ganzen Lebens, eine Mixtur aus beruflichen und privaten Erfolgen und Niederlagen, aus Kreativität, Resillienz und Durchhaltevermögen. Du musst dafür brennen. Ach, ich habe so viele Ideen, bin nun schon 61 Jahre alt, aber ich werde lange arbeiten.

– Welche Fähigkeiten brachtest Du mit?

Die Manufaktur ist meine zweite Selbständigkeit. Zu DDR-Zeiten war ich Buchhändlerin, absolvierte ein Fernstudium, und arbeitete in einer Großbuchhandlung. Der Liebe wegen zog ich nach Templin. Nach der Wende haben mein Mann und ich die Buchhandlung übernommen – es war die 1. Buchhandlung im Osten, die sich selbständig gemacht hat.

Wir waren allerdings sehr blauäugig und unerfahren im Umgang mit den Banken und waren schlecht beraten. Wir konnten zwar kaufmännisch denken – aber noch nicht wirtschaftlich! Das hat uns das Genick gebrochen.  

Es gab einen großen Nachholbedarf an Büchern und wir investierten viel Geld in ein Haus, das uns nicht gehörte. Wir renovierten nach historischen Plänen – mit Kraft und Herzblut. Als dann die Insolvenz kam, war das unglaublich demütigend. Wir waren in Templin gut vernetzt und hatten viele Freunde. Es gab viel Neid und Häme, aber wir beiden hatten eine gute Partnerschaft, hielten zusammen und haben dieses Tal gemeinsam geschafft. Allerdings hatte mein Mann dann ein Jahr später einen tödlichen Unfall, die Zwillinge waren damals 9 Jahre alt und meine Tochter 13 Jahre alt. Es folgte eine Zeit von unglaublicher Trauer, ohne Hoffnung. Wir verloren die Wohnung, hatten kein Auto und die Insolvenzschulden – was für ein Umbruch. Ich arbeitete dann 8 Jahre lang in einer Rechtsanwaltskanzlei, da habe ich viel gelernt.

– Wie bist Du auf die Idee gekommen, Naturseife nach traditioneller Herstellungsart von Hand zu fertigen?

Meine erste Seife entstand aus der Neugier heraus. Ich begann aus familiären Gründen die Inhaltsstoffe von Seifen, Deos und Cremes zu hinterfragen. Wenn die Hormone bei einem Teenager körperliche Veränderungen mit sich bringen, ist es wichtig, sich waschen zu können –  und weil der Arzt davon abriet, habe ich angefangen Alternativen zu suchen. Da hat mich der Seifenvirus angesteckt, ich habe mich begeistert reingestürzt und habe mich langsam in die zweite Selbständigkeit entwickelt. 

Nach 8 Jahren Trauerarbeit traf ich meinen jetzigen Mann. Wir haben dieses Haus hier gemeinsam gefunden, es stand 4 Jahre leer und wir mussten viel renovieren. Dann stand der Entschluss fest, die ehemalige Garage in eine Manufaktur umzubauen. Ich wollte auf keinen Fall wieder etwas mit Banken zu tun haben und konnte einen Familienkredit aufnehmen. Meine Firma entwickelte sich gut und beständig, ich konnte meine Schulden abbauen – nun genieße ich diese Freiheit und Unabhängigkeit und kann meine Kinder unterstützen.

– Das Thema Plastikflut, gesellschaftliche Verantwortung ist in aller Munde – war das schon zur Gründung des Unternehmens für Dich ein wichtiger Aspekt?

Das Thema Plastik war 2012 noch nicht so tief verwurzelt – aber nachdem ich „Planet Plastik“ gesehen habe, wurde mir ganz besonders bewußt, wie richtig ich mit meinem Sortiment liege. Das Thema Nachhaltigkeit spielt für uns aber schon immer eine wichtige Rolle und wir gehen mit unseren Inhaltsstoffen verantwortungsbewußt um. Auch verzichten wir auf Inhaltsstoffe auf Basis von Mineralöl, Paraffinen, Parabene und anderen Chemikalien. Wir setzen uns für den Tierschutz ein und wir verwenden, wo immer möglich, Papier und Pappe statt Kunststoff. Die Glastiegel unserer Cremes nehmen wir auch zurück.

– Welcher Aspekt Deiner Arbeit gibt Dir am meisten Kraft? 

Das ist ganz klar die Kreativität und das Feedback glücklicher Kunden. Wir sind jedes Jahr stabil gewachsen, allerdings bedeutet es auch, dass ich die Verantwortung für 10 Angestellte habe, Personal führen muss – und die  Administration ist kraftraubend. Wir sind jedoch auch stolz darauf, dass wir in der strukturschwachen Uckermark Arbeitsplätze schaffen können.

Den Dialog führte Julia Nowak mit Anke Thoma im März 2019

Hof Stolze Kuh

Eins unserer Anliegen ist: Wir möchten Porträts und Geschichten über Menschen zeigen, die im weitesten Sinne das Land, seine Häuser, Regionen, Kommunen mit ihrer Hände Arbeit, ihrem Tun, ihren Ideen beleben und gute Lebensperspektiven auf dem Land aufzeigen. Die Arbeit und das Engagement von

Portrait #1: Anja Hradetzky

findet Landgang e. V. sehr beindruckend und wir denken, dass sie für Menschen, die vielleicht auch Landgänger werden wollen, eine Inspiration ist.

Anja Hradetzky, Hof STOLZE KUH, 07. Februar 2019

– Wer seid ihr?

Mein Mann Janusz, ich (Trainerin für wesensgemäße Tierhaltung und Autorin), unsere beiden Kinder, unser Altdeutscher Hütehund Juri, 100 Stolze Rinder und 250 Stolze Hühner. Dazu kommen sechs Mitmacher und im weiteren Umfeld drei Vereine, mit denen wir Jungbauern vernetzen und unterstützen und eine Dorfschule gründen.

– Warum übst du deinen heutigen Beruf aus?

Ich durfte nie Haustiere haben. Jetzt habe ich viele. Das macht mich froh. 

– Wann genau hast du deine Entscheidung getroffen?

Ich glaube, es gab viele kleine Momente, in denen mir bewusst wurde, dass es das, was wir vorhaben, noch nicht gibt, und wir das selbst zum Leben erwecken können. 

– Welche Erinnerungen aus deinem Elternhaus verbindet dich mit deinem heutigen Beruf?

Es gab nur Essen aus dem Discounter, fettarme H-Milch und viel Tütenessen. Erst später, im Ökolandbaustudium lernte ich, was da drinsteckt, nicht nur an Nährwert, sondern auch an ökologischer und sozialer Last.

–  Durch den strukturellen Wandel, den die Digitalisierung in die Arbeitswelt, und die steigenden Mietpreise in der Stadt  mit sich bringen, denken viele Menschen darüber nach, aufs Land zu ziehen. Was möchtest du Menschen empfehlen, die vor der Entscheidung stehen, ihr (berufliches) Leben zu ändern?

Bist du wirklich bereit, dich auf das Dorf einzulassen und dich dort einzubringen? Auf dem Dorf kannst du selbst erschaffen, was dir fehlen würde, auch Kultur und Geselligkeit. Dafür braucht es allerdings mehr eigenen Aktivismus als in der Stadt.

– Welcher Aspekt deiner Arbeit gibt dir am meisten Kraft? 

Wenn die Kälber aus dem Euter der Kuh trinken. Und über diese riesigen Weiden zu laufen. Dann denk ich jedes Mal: So wollen Tiere leben!

– Was sollten wir Menschen von den Kühen lernen?

Wie beim Wiederkäuen: langsam angehen, im Rhythmus der Natur bleiben, Jahreszeiten als Geschenk wahrnehmen und nicht immer übers Wetter jammern.

– Wie wird die Landwirtschaft in 20 Jahren aussehen? Welche Rolle spielt Digitalisierung in deinem Unternehmen?

Da bleibe ich bei aller Hoffnung realistisch: trist, eintönig, tot. 

Die Politik setzt mit der Förderung nur wenig Anreize. Die Digitalisierung funktioniert auf noch größeren Flächen einfach besser. Wir sind außer bei der Kundenkommunikation noch sehr nah am Leben, undigitalisiert. Für so kleine Betriebe lohnt sich die meiste Software auch einfach nicht.

– Kann man davon leben?

Wenn Menschen, die unsere Ideale teilen, regelmäßig bei uns einkaufen, JA! Zum Aufbau gehört schon eine riesige Menge an Energie und Kraft.

– Was wünschst du dir?

Viele Menschen mit meiner Bildungsarbeit erreichen und Impulse zur Gewohnheitsänderung zu geben. Statt bei knurrendem Magen an den Supermarkt zu denken, wärs schön, wenn der Bauer und die Erde im Kopf aufploppt.

– Worauf bist du stolz?

Auf so viele stolze Kühe, die wesensgemäß leben dürfen. 

– Wie wichtig ist Nachbarschaft?

Das Landleben wird besonders lebenswert, wenn ich Nachbarn treffe, Gedanken und Taten mit ihnen teile. Außerdem gibt mir das so viel Kraft zurück, wenn Menschen aus dem Dorf bei uns einkaufen und selbst hier etwas erschaffen! 

Den Dialog führte Julia Nowak mit Anja Hradetzky, Stolze Kuh Landwirtschaftsbetriebe im Februar 2019

STOLZE KUH, Landwirtschaftsbetrieb, 07. Februar 2019

Landgänger: Portraits und Geschichten

Wir portraitieren und erzählen hier Geschichten über Menschen, die im weitesten Sinne das Land, seine Häuser, Gegenden, Kommunen mit ihrer Hände Arbeit, ihrem Tun, ihren Ideen beleben und und gute Lebensperspektiven auf dem Land aufzeigen.
Sie sollen zu einer (Wander)Ausstellung wachsen, die dann auch lokal gezeigt werden kann. Eine erste Präsentation ist auf dem Regionalmarkt in Brandenburg an der Havel im September 2019 geplant.

Wenn Sie auch portraitiert werden möchten, oder jemanden empfehlen wollen, so freuen wir uns über Ihre Nachricht an julianowak@landgang.digital.