Kategorie: Ausstellungen

Portrait #5: Sarah Spindler, Ziegenkäserei und Wiesencafé, Flatow

Sarah Spindler, Karolinenhof

Die Welt ein bißchen besser machen. Man könnte sagen, es ist ein Mantra für Sarah Spindler und ihrem Mann, Miteigentümer des Karolinenhofs mit ihren „bunten“ Karolinerhofer Ziegen in Flatow. Landgang e. V. wollte mehr wissen:

– Wer seid ihr?

Wir, Sarah und Sebastian Spindler sowie Gela Angermann, sind ein Bio Hofbetrieb mit Milchziegen und eigener Verarbeitung und Hofcafé. Gela startete schon 1991 den Bio-Pionierbetrieb der neuen Bundesländer. Wir leben und arbeiten auf unserem Hof und verbringen alle Lebensbereiche miteinander. Wir sind alle ein bisschen verrückt. Das ist wichtig, sonst hält man das nicht durch.

– Als dein Mann und du 2015 mit in den Hof eingestiegen seid, hat sich euer Traum vom eigenen Hof erfüllt. Wie lebt es sich 4 Jahre später in diesem Traum?

Unser Traum hat sich erfüllt. Das ist schön, aber auch anstrengend und herausfordernd. Es ist mein Leben. Es ist toll, für alles selbst verantwortlich zu sein, was schön sein kann. Es geht aber viel weiter. Die Verantwortung für unsere Tiere, unseren Betrieb und unsere Mitarbeiter ist groß. Die Biobranche ist nach wie vor eine enge Sparte. Da darf man die Außenwirkung nicht unterschätzen. Wir haben einen guten Ruf, dem wir gerecht werden wollen und müssen.

– Warum übst du deinen Beruf heute aus? Bist du Bäuerin aus Leidenschaft?

Schon als Schülerin habe mich mit Ökokreisläufen beschäftigt und war schon immer hinter dem „Viehzeug“ her. Ich bin in Berlin groß geworden und hatte nicht auf dem Schirm, dass man Landwirtin auch studieren kann. Damals dachte ich, man muß in einen Hof rein geboren werden. Nach dem Abitur hatte ich keine Ahnung, welchen Beruf ich lernen sollte. Mir war aber klar, dass ich draußen in der Natur sein wollte. Ich bewarb mich für ein freiwilliges ökologisches Jahr mit Rückepferden, wurde aber nicht genommen. Und so landete ich in der Domaine Dahlem. Nach drei Tagen fuhr ich schon alleine den Traktor und wusste: „Das will ich machen.“ Ich sah täglich, was ich geschaffen hatte und genoß den Kontakt zu den Tieren.

Auf dem Stück Land auf dem ich täglich arbeite, kann ich die Welt ein bisschen besser machen und die Tiere gut behandeln. Es geht nicht nur wirtschaftliche Aspekte. Mir war von Anfang an klar, dass Landwirt kein Job ist, sondern mein Leben. Das ist nicht abgrenzbar. Auf dem Hof hier schaffen wir uns gegenseitig Freiräume und passen aufeinander auf. Einer kocht das Mittagessen, abends machen wir manchmal Spieleabende, im Moment ist mein Mann 2 Wochen lang im Urlaub. Als ich heute die Ziegen von der Koppel holte, schien die Sonne so herrlich ins Gesicht und ich dachte mir „Ich hab’s schon sehr schön hier.“

Anmerkung: Ein Rückepferd wird im Wald zum Holzrücken eingesetzt. Es bringt das Holz von gefällten und entasteten Baumstämmen zum nächsten Waldweg bzw. Lagerplatz.

– Welche sind die wichtigsten Fähigkeiten, die du in diesen Beruf mitgebracht hast?

Das sind Fähigkeiten, die ich mir selbst gar nicht so zugeschrieben hätte: festes Planen und strukturiertes, handwerkliches Arbeiten. Immer wieder herausfordernd ist die Flexibilität im Alltag, z. B. ein Stromausfall, eine schwer verletzte Ziege, Ausfall einer Kühlzelle. Das ruft dann einen Notfallplan auf die Tagesordnung und der Tag wird ein ganz anderer. Ein Bauer ist „Pfuscher“ in allen Bereichen, man muß reparieren, verkaufen, handwerklich geschickt sein, melken, wirtschaftlich arbeiten und v. a. mit Menschen umgehen können. Das ist manchmal anstrengend.

– Wie vermarktet ihr euren Käse?

Vielen Besuchern fällt es gar nicht auf, dass wir bio sind, für uns ist das aber sehr wichtig. Wir vermarkten ausschließlich direkt über unseren Hofladen, die Vollgastronomie gehört weiterhin der Hofgründerin, und das ergänzt sich hervorragend. Der persönliche Kontakt zu unseren Besuchern ist mir wichtig. Was wir anders machen, muß kommuniziert werden. Ich möchte Menschen von unserem Hofleben erzählen, sie zum Nachdenken anregen, sie inspirieren. Das feedback, das wir bekommen, ist sehr bereichernd. Es ist doch etwas ganz anderes, als unseren Käse bei Morgengrauen auf einen Laster zu packen.

– Wollt ihr wachsen?

Nein, wir wollen nicht wachsen. Wir könnten natürlich mehr Geld brauchen, um die Ersatzinvestitionen, die sehr notwendig sind, um den Betrieb am Laufen zu halten, stemmen zu können. Große Investitionen sind heikel. Um wachsen zu können, wären unverhältnismäßig hohe Investitionen notwendig. Der Stall müßte vergrößert werden, wir bräuchten mehr Land, um die Tiere zur ernähren. Dann käme da ein größerer Melkstand auf uns zu, wir bräuchten mehr Personal, eine größere Käserei, einen anderen Käsekessel, einen größeren Reiferaum. Wir müssten Verkaufswege neu erschließen. Kurzum, größer werden wäre ein Fass ohne Boden und wir verlören unseren Charme.

Als Organismus würden wir jedoch gerne weiter wachsen. Freunde haben nun ein kleines Haus in der Nachbarschaft gekauft und starten mit einer Bio-Gärtnerei. Ein Ökodorf wäre eine spannende Richtung, ich kann mir auch Bildungsangebote für Kitas und Schulklassen vorstellen.

– Einen Hof zu übernehmen, stelle ich mir sehr komplex vor. Man muß da reinwachsen und möchte vielleicht auch Dinge und Abläufe ändern. Wie läuft die Übernahme für euch? Wie macht ihr das?

Bisher läuft es ziemlich gut. Wir hatten einen Berater, der auf Hofübergaben begleitet, an der Seite. Im Moment wirtschaften wir in einer GbR zu dritt, wir haben zu dritt die Mütze auf und sind uns in vielem recht einig. Wir haben positive Abläufe, Veränderungen werden überlegt besprochen, Angelikas Erfahrungsschatz ist uns wertvoll. Wir sind uns in unseren Vorstellungen bzgl. Leistungsfähigkeit und Einstellung einig.

– Von Landwirten hört man immer wieder, dass sie nie Zeit finden können, in den Urlaub zu fahren, weil sie sich um die Tiere kümmern müssen. Wie ist das denn bei euch?

Urlaub ist schwierig, aber nicht unmöglich. Wir versuchen uns Freiräume zu schaffen, damit wir die Kraft und Energie behalten. Ausgleich und Inspiration von außen ist wichtig. Im Sommer ist es ganz schwer, aber jeder kann meistens Sommerurlaub machen. In der Winterpause ist es einfacher, da kann ich auch mit meinem Mann verreisen. Wir melken „nur“ von Januar bis November, dann haben die Ziegen 6 Wochen lang Pause und wir konzentrieren uns auf Renovierungsarbeiten. Das restliche Jahr ist verplant, an den Wochenenden arbeiten wir 10 bis 12 Stunden, manchmal ohne Mittagspausen. Was uns trotzdem gut gelingt ist, dass wir uns Freizeitmomente auf dem Hof schaffen und uns einen guten sozialen Treffpunkt bieten.

Das Gespräch führte Julia Nowak mit Sarah Spindler.

Was man über Flatow wissen sollte: Seit 1992 grasen im brandenburgischen Flatow auf dem Karolinenhof Ziegen. Die Gäste genießen bei schönen Wetter im Wiesencafé die weite Sicht über die Felder des Luchs. Das Luch ist ein ehemaliges Feuchtgebiet, welches durch Gräben entwässert wird. Im Herbst rasten hier bis zu 70.000 Kraniche auf ihrem Weg von Skandinavien und Polen nach Südfrankreich.

Portrait #4: Jeannette Stockmann de Caro, Leiterin der KVHS Uckermark, Prenzlau

Jeannette Stockmann de Caro, Prenzlau, Uckermark 2019

Jeannette Stockmann de Caro möchte Menschen miteinander verknüpfen und Begegnungen zwischen denen ermöglichen, die sich im Alltag ansonsten nicht begegne. Landgang e. V. war zu Besuch.

– Sie haben in Berlin und Südafrika studiert und gearbeitet. Was bringt Sie nach Prenzlau?

Es war das Schicksal. Jemand in der Familie ist gestorben und ich habe das Haus geerbt. Ich hab’s mir anders vorgestellt, aber jetzt ist es gut so.

– Warum üben Sie Ihren heutigen Beruf aus?

Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zur Volkshochschule. Angefangen hat es mit dem Kurs für Tastschreiben und Stenographie, den ich mit 16 Jahren an der Volkshochschule besuchte. Der Unterricht fand im Keller statt. Zum Test wurde das Licht ausgemacht und wir mussten blind schreiben. In unserer Vitrine zu 100 Jahren Volkshochschule liegt derzeit gerade mein Zeugnis von damals.

2005 ging ich aus Berlin zurück in die Uckermark und arbeitete als Sozialpädagogin und später als Bildungsberaterin. Mit der Volkshochschule hatte ich dadurch Berührungspunkte und als die Leitungsstelle neu ausgeschrieben wurde, habe ich mich getraut. Ich hatte Lust auf diese Aufgabe. Es ist der interessanteste Job, den ich mir vorstellen kann: Man trifft auf die unterschiedlichsten Teilnehmer, Lehrkräfte, Themenbereiche und Berufe. Gleichzeitig kann ich selbst Schwerpunkte setzen, neue Projekte angehen und somit die Einrichtung, aber auch mich weiterentwickeln.

– Lebenslanges Lernen – Wie gehen die Menschen in der Uckermark mit diesem Konzept um?

Lebenslanges Lernen, das klingt nach lebenslänglich, deshalb mag ich den Begriff nicht so gern. Lernen soll Spaß machen, egal, wie alt man ist. Unsere Teilnehmer kommen freiwillig und sind motiviert. Neben den klassischen Fachbereichen bilden wir an unserer Volkshochschule auch Landwirte und Landwirtschaftsmeister aus. Und wir haben ein Grundbildungszentrum und bieten Kurse im Bereich der Grundbildung und Alphabetisierung an.

Das Image der Volkshochschule als Hobbyverein ärgert mich. Es war nie zutreffend. Schon 1919 erhielten die Volkshochschulen Verfassungsrang. Mit ihrer Förderung sollte sichergestellt werden, dass alle Menschen die Chance auf Bildung haben, unabhängig von der Herkunft. Bildung, eben auch Erwachsenenbildung, wurde durch die Weimarer Verfassung zur öffentlichen Aufgabe. In den 100 Jahren ihres Bestehens waren und sind sie immer noch Orte gelebter Demokratie.

– Wie hat sich die Art und Weise des Unterrichtens geändert?

Für uns steht die Frage im Mittelpunkt, wie wir unsere bisherigen Teilnehmer, aber eben auch neue Zielgruppen erreichen. Das bedeutet, dass wir neue Formate entwickeln, politische Grundbildung bieten. So haben wir eine große Teilnehmervielfalt und durch zugezogene Menschen auch eine spannende kulturelle Vielfalt. Die Möglichkeiten, die die Digitalisierung hier bietet, sind schon groß. Webinare, also das e-learning, sind beispielsweise eine gute Ergänzung. Denn die großen Entfernungen im ländlichen Raum machen es sowohl den Lehrkräften als auch den Teilnehmern nicht leicht, zu uns zu kommen.

Im Verbund mit anderen Volkshochschulen können wir Themenreihen wie Bienensterben, Naturschutz, plastikfrei leben, Kohlenausstieg, Frauenwahlrecht oder zu Rechtspopulismus mit hochkarätigen Wissenschaftlern gemeinsam anbieten. Das kommt gut an. Außerdem bieten wir Online-Kurse in Betriebswirtschaft an. Über mehrere Module können hier sogar anerkannte Abschlüsse erlangt werden.

– Unlängst wurde eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung in den Medien diskutiert. Sie betont die Notwendigkeit einer klugen Strukturpolitik und fordert massive, auch finanzielle, Unterstützung für strukturschwache Regionen. Trifft das auch auf Prenzlau in der Uckermark zu?

Viele Forscher, auch dies des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, vertreten die Position, dass eine Stärkung der urbanen Räume erforderlich sei. Die Politik verfolgt auch eine Stärkung der Mittelzentren und der großen Städte. Damit stellt sich aber die Frage nach Chancengleichheit und der Gewährleistung von Daseinsvorsorge. Ich setze meine Hoffnung in die Zivilgesellschaft.

Die Leute, die von der Stadt aufs Land ziehen, kommen, sind in der Regel agil. Die haben Lust, sich einzumischen, eigene Kitas und Schulen aufzubauen. Das bedarf einer guten Vernetzung aller. Fakt ist, nur eine oder einer von 100 Abiturienten kommt zurück in die Uckermark. Dafür kommen Neue in die Regionen, die müssen erst zusammenwachsen, viele sind nur am Wochenende da. Manches Dorf ist unter der Woche ein Geisterdorf. Das braucht keine Infrastruktur. Und die Uckermärker selbst? Die brauchen Zeit, um mit Neuem warm zu werden.

– Gibt es in Prenzlau Fachkräftemangel?

Ja, den gibt es sogar sehr, insbesondere in der Pflege und es fehlt an Handwerkern. Die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei elf Prozent, und Prenzlau leidet unter einer ausgeprägten strukturellen Langzeitarbeitslosigkeit. Die Uckermark insgesamt hat eine hohe Quote an Jugendlichen, die ohne Abschluss die Schule verlassen.

Manche Familien sind schon in der 3. Generation Harz IV-Empfänger. Die Enkel haben nie erlebt, dass ihre Eltern oder Großeltern arbeiten. Im schlimmsten Fall bedeutet das, keine gesellschaftliche Teilhabe und keinen geregelten Tagesablauf. Die Lust auf etwas Neues verschwindet, dafür tritt Genügsamkeit an die Stelle. Das stimmt mich traurig.

– Wie kommen Einheimische und die Fremden von weit her miteinander aus?

Prenzlau hat die größte Gemeinschaftsunterkunft in der Uckermark. Viele der Bewohner nehmen an unseren Sprachkursen und anderen Veranstaltungen teil. Ich erlebe sie als Bereicherung, sowohl in der Volkshochschule als auch im täglichen Leben. Es ist ein tolles Miteinander und wir merken immer wieder, wie viel wir gemeinsam haben, wie viel wir aber auch noch voneinander lernen können.

Für die Flüchtlinge selbst ist es schwierig, hier anzukommen. Sie müssen sich in eine völlig neue Kultur einfinden, vermissen ihre gelernte soziale Straßenkultur und die familiäre Nachbarschaft. Die deutsche, distanzierte Art des Miteinanders wird häufig missverstanden, auch als Ablehnung empfunden. Nach dem Deutschkurs ist es für sie schwierig, Anlässe und Gelegenheiten zu finden, weiter Deutsch zu sprechen. Im Supermarkt spricht man nicht miteinander. Der Zugang zu Sport- und Fitnessvereinen fällt vielen schwer.

Um in eine Gesellschaft hineinzuwachsen, fehlen am Anfang noch die Berufsausbildung und gute Sprachkenntnisse. Viele sind bereits wieder gegangen, weil sie sich woanders bessere Chancen versprechen. Das bedaure ich, denn ich glaube, dass uns dadurch auch viel Potential verloren geht.

– Haben Sie eine Vision für die Uckermark?

Ich möchte Menschen miteinander verknüpfen und Begegnungen zwischen denen ermöglichen, die sich im Alltag ansonsten nicht über den Weg laufen. Das kann das Lerncafe für Analphabeten sein, ein Erzählcafé oder unser Kochbuchprojekt – einfache Projekte ohne Hemmschwellen und Verpflichtung, aber mit viel Spaß und Neugier. Wir wollen die Angst vor dem Wort Schule nehmen.

Die Volkshochschule soll gut tun und eine Art Zuhause sein. Die Volkshochschule als 3. Ort – das wäre mein Traum.

Das Gespräch führte Julia Nowak mit Jeannette Stockmann de Caro.

Portrait #3: Henning Ihlenfeldt aus Fürstenwerder

Bert und Hennig Ihlenfeldt in der Backstube, morgens um 6 Uhr

– Bäckerei Ihlenfeldt – wer und welche Geschichten stecken dahinter?

Wir sind eine Bäckerfamilie und führen unseren Handwerksbetrieb in Fürstenwerder seit 1890 mittlerweile in der 5. Generation. Unsere Vorfahren haben die Bäckerei 1890 gegründet. Unser Handwerksbrot – mit Hand gemacht- stellen wir noch heute nach den Rezepten meiner Großeltern her.  

– Ab wann wussten Sie, dass Sie Bäcker sein werden? 

Als ich mit der Schule fertig war, war noch gar nicht so klar, dass ich einmal den Familienbetrieb übernehmen würde. Solange meine Eltern und Großeltern den Betrieb führten, gab es keine Arbeit für mich. Nach der Schule ging ich weg von Fürstenwerder und arbeitete viele Jahre lang in einer Großbäckerei. Dort habe ich auch meine Frau kennengelernt, die von Beruf Konditorin ist. 1985 waren meine Eltern bereit umzuziehen. Sie konnten im Ort in eine Neubauwohnung ziehen und meine Frau und ich zogen mit unseren Kindern in das alte Bäckerhaus ein. 

-– Warum haben Sie an der alten Backtradition festgehalten? 

Nach der Wende 1989 hatten wir eine westdeutsche Betriebsberatung. Die haben uns geraten, an der alten Sauerteig Rezeptur festzuhalten und weiterzumachen. Sie hatten Recht, die Großelternrezepte sind noch immer erfolgreich. Für mich bedeutet Tradition aber auch, Wissen von einer Generation an die nächste weiterzureichen. Unsere Grundrezepte sind gut, sie werden über die Jahre variiert und weiterentwickelt. Zum Beispiel stellen wir zur Zeit einmal in der Woche ein Chia-Brot her; das gab  es früher natürlich noch nicht. Allerdings haben auch meine Großeltern immer in die Bäckerei investiert, neue Technik angeschafft, um die Arbeit und das Leben zu verbessern. Wäre die Wende nicht gekommen, würde ich heute noch Mehlsäcke tragen. Der technische Fortschritt in den Jahren danach war enorm.

– Sind Sie weit und breit der einzige Bäcker? 

Es gibt kaum noch Bäcker in der Region, die selber backen. Jetzt hört auch der Bäcker in Prenzlau auf und führt auf nur 10 Quadratmeter Aktionsfläche im Boitzenburger Marstall seinen Backbetrieb stark verkleinert weiter. Ich bin wirklich stolz, dass wir diese Bäckerei schon so lange halten können. 

– Haben Sie  ein Lieblingsbrötchen?

Ich esse wenig Brötchen. Am liebsten mag ich unser traditionelles Roggenmischbrot (Berliner Kurzsauerführung). Wir machen kein fades Brot. Da muss Geschmack drin sein, man muss die Butter drauf sehen, und ich möchte beim Essen kauen.

 – Können Sie von Ihrem Handwerk leben ?

Der Absatz im Laden funktioniert, unsere Kunden kommen aus unserem Dorf und den Nachbarorten.  Außerdem fahren wir mit zwei Verkaufsautos übers Land. Eine Fahrerin geht allerdings bald in Rente. Wir sind auf der Suche nach einer neuen Kraft, die beides kann: Fahren und verkaufen. Und die Nachfrage nach guten Backwaren bleibt. Vor allem, wenn nun immer mehr Berliner in die Uckermark rauskommen. Touristen und neue Eröffnungen, wie beispielsweise der Buchladen und das vegetarische Restaurant, beleben unsere Region. Das ist für uns von Vorteil.  

– War es schwierig, das Geschäft zu übergeben?

In einem kleinen Betrieb ist Geld schnell ein KO-Thema. Meine Frau und ich wollten sicherstellen, dass unsere drei Kinder gleich behandelt werden, auch wenn nur einer die Bäckerei übernimmt. Das war nicht so einfach, wir haben dafür regelmäßig Geld gespart. So war es möglich, alle drei zufrieden zu stellen.  

– Wie sieht Ihr Pensionsalltag aus?

Naja, ich bin immer noch jeden Tag eingebunden. Abends bereite ich um halb zehn den Sauerteig vor, damit mein Sohn um 22 Uhr ins Bett kann. Er steht ja schon wieder um 1 Uhr auf. Für einen Bäcker ist es das A und das O, zwei Mal am Tag zu schlafen. Eine Angestellte wollte nicht mehr früh kommen, jetzt arbeite ich auch wieder freitags.

– Was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir, dass wir alle gesund bleiben und die Angestellten regelmäßig zur Arbeit kommen.  Unser Betrieb funktioniert nur, wenn alle da sind. Man darf allerdings nicht nur arbeiten, sondern braucht auch  Freizeit und Ruhe. Im Januar schließen wir  immer für drei  Wochen, machen Betriebsferien und eine Woche im Sommer. Außerdem  arbeiten wir nur an fünf Tagen in der Woche. Sonntag und Montag ist die Backstube geschlossen.

– Bleibt Ihnen Zeit für eine gute Nachbarschaft?

Nachbarschaft ist sehr wichtig. Ich interessiere mich nicht nur für die gesamte Nordwestuckermark. Ich versuche Menschen, die ich nicht kenne, kennenzulernen, ein Bäcker muss seine Kunden kennen. Ich bin aktiv in der Heimatstube und im Tourismusverein, und ich habe auch schon Beatles-Festivals in Fürstenwerder organisiert. 

Was sollte man über Fürstenwerder wissen? Fürstenwerder ist ein Ort mit etwa 750 Einwohnen, liegt im Nordosten im Land Brandenburg an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Es gibt 13 Vereine, eine alte Stadtmauer, zwei mittelalterliche Stadttore, einen alter Dorfkern, mittendrin eine eindrucksvolle Feldsteinkirche, zwei Seen, ein Museum namens Heimatstube und eine Buchhandlung. Früher besaß Fürstenwerder sogar zwei Bahnhöfe. Spannend: Der Schriftsteller Saša Stanišic setzte Fürstenwerder in seinem Roman „Vor dem Fest“ ein Denkmal. In seinem Roman heißt der Ort Fürstenfelde.

Das Gespräch führte Julia Nowak mit Henning Ihlenfeldt.

Portrait #1: Anja Hradetzky, Hof Stolze Kuh im Oderbruch

Hof STOLZE KUH, Anja Hradetzky

– Wer sind Du?

Mein Mann Janusz, ich (Trainerin für wesensgemäße Tierhaltung und Autorin), unsere beiden Kinder, unser Altdeutscher Hütehund Juri, 100 Stolze Rinder und 250 Stolze Hühner. Dazu kommen 6 Mitmacher und im weiteren Umfeld drei Vereine, mit denen wir Jungbauern vernetzen und unterstützen und eine Dorfschule gründen.

– Warum übst Du Deinen heutigen Beruf aus?

Ich durfte nie Haustiere haben. Jetzt habe ich viele. Das macht mich froh.

– Wann genau hast Du Deine Entscheidung getroffen?

Ich glaube, es gab viele kleine Momente, in denen mir bewusst wurde, dass es das, was wir vorhaben noch nicht gibt und wir das selbst zum Leben erwecken können.

– Welche Erinnerungen aus Deinem Elternhaus verbindet Dich mit Deinem heutigen Beruf?

Es gab nur Essen aus dem Discounter, fettarme H-Milch und viel Tütenessen. Erst später, im Ökolandbau -Studium lernte ich, was da drin steckt, nicht nur an Nährwert, sondern auch an ökologischer und sozialer Last. 

– Durch den strukturellen Wandel, den die Digitalisierung in die Arbeitswelt, und die steigenden Mietpreise in der Stadt  mit sich bringen, denken viele Menschen darüber nach, aufs Land zu ziehen. Was möchtest Du Menschen empfehlen, die vor der Entscheidung stehen, ihr (berufliches) Leben zu ändern?

Bist du wirklich bereit, dich auf das Dorf einzulassen und dich dort einzubringen? Auf dem Dorf kannst du selbst erschaffen, was dir fehlen würde, auch Kultur und Geselligkeit. Dafür braucht es allerdings mehr eigenen Aktivismus als in der Stadt.

– Welcher Aspekt Deiner Arbeit gibt Dir am meisten Kraft?

Wenn die Kälber aus dem Euter der Kuh trinken. Und über diese riesigen Weiden zu laufen. Dann denk ich jedes Mal: So wollen Tiere leben!

– Was sollten wir Menschen von den Kühen lernen?

Wie beim Wiederkäuen: langsam angehen, im Rhythmus der Natur bleiben, Jahreszeiten als Geschenk wahrnehmen und nicht immer übers Wetter jammern.

– Wie wird die Landwirtschaft in 20 Jahren aussehen? Welche Rolle spielt Digitalisierung in Deinem Unternehmen?

Da bleibe ich bei aller Hoffnung realistisch: trist, eintönig, tot.
Die Politik setzt mit der Förderung nur wenig Anreize. Die Digitalisierung funktioniert auf noch größeren Flächen einfach besser. Wir sind außer bei der Kundenkommunikation noch sehr nah am Leben, undigitalisiert. Für so kleine Betriebe lohnt sich die meiste Software auch einfach nicht.

– Wie wird die Landwirtschaft in 20 Jahren aussehen? Welche Rolle spielt Digitalisierung in Deinem Unternehmen?

Da bleibe ich bei aller Hoffnung realistisch: trist, eintönig, tot.
Die Politik setzt mit der Förderung nur wenig Anreize. Die Digitalisierung funktioniert auf noch größeren Flächen einfach besser. Wir sind außer bei der Kundenkommunikation noch sehr nah am Leben, undigitalisiert. Für so kleine Betriebe lohnt sich die meiste Software auch einfach nicht.

– Kann man davon leben?

Wenn Menschen, die unsere Ideale teilen, regelmäßig bei uns einkaufen, JA! Zum Aufbau gehört schon eine riesige Menge an Energie und Kraft.

– Was wünschst Du Dir?

Viele Menschen mit meiner Bildungsarbeit erreichen und Impulse zur Gewohnheitsänderung zu geben. Statt bei knurrendem Magen an den Supermarkt zu denken, wärs schön, wenn der Bauer und die Erde im Kopf aufploppt.

– Worauf bist Du stolz?

Auf so viele Stolze Kühe, die wesensgemäß leben dürfen.

– Wie wichtig ist Nachbarschaft?

Das Landleben wird besonders lebenswert, wenn ich Nachbarn treffe, Gedanken und Taten mit ihnen teile. Außerdem gibt mir das so viel Kraft zurück, wenn Menschen aus dem Dorf bei uns einkaufen und selbst hier etwas erschaffen!

HOF STOLZE KUH . 2019

Das Gespräch führte Julia Nowak mit Anja Hradetzky.

Projektskizze: HausFrau 4.0

HausFrau 4.0 erzählt die Geschichten von Frauen, die aktiv sind, berufstätig, die Häuser und Höfe erhalten, aufbauen, verändern, die Kultur und Nachbarschaft pflegen und wiederbeleben: Ideen und Motivation, für Ermutigung und Bestärkung, für eine lebenswerte Zukunft im ländlichen Raum. Die HausFrau ist nicht gestrig, altmodisch und häuslich. Sie ist emanzipiert, aktiv, selbstbestimmt, vernetzt und auf der Höhe der Gegenwart.

Ganz bewusst stellen wir Frauen als »Macherinnen auf dem Land« in den Mittelpunkt. Der ländliche Raum ist strukturell männlich dominiert bzw. wird der Beitrag von Frauen für die Region wenig gewürdigt. Dabei leben allein 9,9 Mio. bzw. rund 25 Prozent aller weiblichen Personen in Orten bis 50.000 Einwohner (Quelle: Statistisches Bundesamt 2015).

Und weil Häuser und Scheunen, Mühlen und Schlösser, Kirchen und Pfarrhäuser, Gasthöfe, Bauern- und Wohnhäuser seit jeher die Geschichten ihrer Bewohnerinnen und Bewohner erzählen, also die Geschichten von Teilhabe, Tradition und Alltagskultur, von Träumen, Utopien oder Widerständen, sind die Häuser und wie sie erhalten werden, der rote Faden, an dem entlang wir unsere Protagonistinnen auswählen.

Unsere Protagonistinnen stehen stellvertretend für die vielfaltigen Gruppen auf dem Lande in Beziehung zu ihrem Haus – die HausFrau. Es können die Landärztin und die Kneipenbetreiberin sein. Es sind die Menschen, die gemeinsam eine einst »sozialistische Platte« gekauft und neue Wohnformen entwickelt haben. Wir sprechen mit und fotografieren die Festival-Erfinderin in abgelegener Region und die Bürgermeisterin, die im Gemeindezentrum die Menschen zusammenbringt. Wir portraitieren die Landwirtin, Bäuerin, Hofnachfolgerin, Handwerkerin und Architektin, Lehrerin, IT- Fachfrau, Künstlerin und Heimkehrerin, die Kirchenvorsteherin, die Theaterfrau oder die Hofladeninhaberin.

Landgang e.V. findet und zeigt diese Menschen besonders dort, wo die EU- Definition von schrumpfenden Regionen greift. Das sind stellvertretend Regionen wie die Prignitz und Uckermark, Ostvorpommern, die Altmark, die Börde und das Jerichower Land, der Burgenlandkreis und der Salzlandkreis, Aue-Schwarzenberg u.a.

Wir spüren auf, wer agiert, sich kümmert, Chancen ergreift, wer die Region nicht dem schleichenden Prozess des Verfalls preisgibt.

 

 

Projektskizze: „Typisch Land . Typisch Frau“

Im Netzwerkprojekt „Typisch Land . Typisch Frau“ steht die moderne Frau im ländlichen Umfeld im Mittelpunkt. Die „Landfrau“ ist nicht gestrig, altmodisch und häuslich. Sie ist emanzipiert, aktiv, selbstbestimmt, vernetzt und auf der Höhe der Gegenwart.

Darstellung, Diskurs und Öffentlichkeit weiblichen Lebens sind zu einem ganz überwiegenden Teil explizit oder implizit durch Urbanität geprägt. Aber allein 9,9 Mio. bzw. rund 25% aller weiblichen Personen leben in Orten bis 50.000 EW leben (Quelle: Stat. Bundesamt 2015). Unser Projekt möchte einen Diskussionspunkt setzen, wie gegenwärtig weiblich ländliches Leben sein kann und ist.

Das Projekt beschäftigt sich mit dem Schwerpunkt Heimat und soll das Leben von Zugereisten/Zugezogenen/Geflüchteten und in Brandenburg geborenen Frauen zeigen, die vielleicht nie fortgegangen oder nach einer Ausbildung wieder in den ländlichen Raum zurückgekehrt sind.

Es geht um ihren Aktionsraum, aber auch um die Darstellung des Zusammenlebens und Zusammenwachsens, der Vielfalt der existierenden Potenziale und der Erkundung/Benennung neuer Formen der zeitgemäßen kulturellen Infrastruktur. Der Vielfalt weiblich ländlichen Lebens wird ein ebenso medial vielfältiges Konzept beitgestelllt.

Die fotografischen und schriftlichen Portraits sowie kurze Interviews (schriftlich und audio) zeigen einen Querschnitt des aktuellen Bildes von Brandenburger Frauen im ländlichen Raum oder in der ländlichen Region und dokumentieren Menschen aus verschiedenen Perspektiven, Lebenssituationen.

Das Projekt wird aktuelle Themen und auch Kontroversen aufgreifen. Auch (junge) Migrantinnen, die sich beruflich orientieren wollen oder versuchen, sich zu vernetzen, um Halt zu bekommen, sollen hier ein Sprachrohr finden.

Das Projekt ist nicht nur Dokumentation, sondern auch Interaktion. Es sollen die Geschichten von starken Frauen und Unternehmerinnen in Brandenburg erzählt werden, die ihre Karrieren selbst aufbauen, ihren persönlichen Lebenstraum verwirklichen und damit manchmal auch den Erwartungen der Familie und Gesellschaft trotzen. Sie sind ein selbstbestimmter, aktiver und kraftvoller Teil in Wirtschaft und Gesellschaft!